Wenn man an Martin Luther denkt, hat man meist Thesen, Tinte und Tischreden im Kopf. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt inmitten reformatorischer Sturmwinde noch etwas anderes, ganz und gar Unrevolutionäres: ein gutes Bier.
Und Luther wusste dieses irdische Geschenk durchaus zu schätzen.
Im Wittenberger Haushalt, den Ehefrau Katharina von Bora mit eiserner (und äußerst effizienter) Hand führte, war Bier nicht bloß Getränk, sondern Lebensmittel, Medizin und Sozialkitt. Während Luther Theologen das Fürchten lehrte, sorgte Katharina dafür, dass im Hof die Sudkessel brodelten. Sie war eine begnadete Braumeisterin, die aus einfachen Zutaten ein Bier schuf, das Besucher regelmäßig ins Schwärmen brachte. Luther nannte sie liebevoll „mein Herr Käthe“ – wohl auch, weil sie an organisatorischem Talent kaum zu überbieten war und ihm täglich zeigte, dass das wahre Regiment des Hauses nicht am Schreibtisch geführt wurde, sondern am Braubottich.
Für Luther war Bier kein Ausschweifungsinstrument, sondern Teil einer guten Schöpfungsordnung – so selbstverständlich wie Brot, Licht und ein ordentlicher Streit mit der Kurie. Er war überzeugt: Gott hat vieles geschaffen, das die Seele erfreut, und Bier gehört eindeutig dazu. Allerdings warnte er auch vor Übermut. Maßhalten sei christlich, maßlos sein eher das Geschäft des Teufels.
Kurz: Er trank gern, aber nicht dumm.
In seinen berühmten Tischgesprächen begegnet das Bier immer wieder. Nicht als Hauptdarsteller, eher als treuer Nebendarsteller, der im Hintergrund mitspielt, während die großen theologischen Gedanken durch die Stube segeln. Fast jeder Bericht aus Wittenberg klingt ein bisschen danach, als stünde der Krug immer griffbereit – für Gäste, für Freunde, für die Mühen des Tages.
Dass ausgerechnet ein Reformator, der Europa auf den Kopf stellte, dabei ein solch entspanntes Verhältnis zum Bier hatte, passt wunderbar zu seinem Wesen. Luther war ein Mann, der das Leben nahm, wie es kam: mal schwer und dunkel, mal herrlich und hell. Und immer mit einem feinen Gespür dafür, dass Freude kein verdächtiger Zustand ist, sondern ein göttlich erlaubter.
Vielleicht liegt in dieser Haltung der wahre Kern der lutherischen Bierkultur:
Ein Krug ist kein Fluchtweg aus der Welt – sondern ein kleiner, schaumgekrönter Gruß an die Tatsache, dass wir in ihr wohnen.
Und ganz ehrlich: Wenn man die Reformation stemmen muss, darf es ruhig ein gutes Bier sein.
Oder zwei.
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