Es war einmal ein Wolf.
Ein ziemlich hungriger Wolf.
Und wie es sich für einen ordentlichen Märchenwolf gehört, hatte er es auf die sieben Geißlein abgesehen. Die Mutter war gerade unterwegs und hatte ihren Kindern noch eingeschärft, niemanden hereinzulassen.
Doch der Wolf war clever.
Er verstellte seine Stimme, machte seine Pfote weiß und überzeugte die Geißlein schließlich davon, dass er ihre Mutter sei.
Die Tür ging auf.
Der Wolf sprang herein.
Und ehe sich die sieben Geißlein versahen, waren sie verschwunden.
Alle?
Nein.
Das kleinste Geißlein hatte sich in der Standuhr versteckt.
Als die Mutter zurückkam, war das Geschrei natürlich groß.
Doch dann entdeckte sie den Wolf, der völlig erschöpft unter einem Baum lag und seinen gewaltigen Bauch hielt.
Sie schnitt ihn auf, holte ihre sieben Kinder heraus und alle waren wohlauf.
Bis hierhin kennen wir die Geschichte.
Aber dann kam die entscheidende Frage:
Was sollte jetzt in den Bauch des Wolfes?
Steine wären möglich gewesen.
Aber die Mutter hatte eine bessere Idee.
Sie ging in den Keller.
Dort standen sieben Flaschen.
Sie nahm noch eine achte.
Und eine neunte.
Und schließlich einen ganzen Kasten.
Bier.
„Wenn er schon so viel Platz im Bauch hat“, dachte sie, „kann man ihn auch sinnvoll nutzen.“
Also füllte sie den Bauch des Wolfes mit Bier.
Nicht irgendeinem Bier.
Sie nahm ein kräftiges fränkisches Vollbier.
Dann nähte sie den Wolf wieder zu.
Als der Wolf aufwachte, bemerkte er zunächst nichts.
Er stand auf.
Ging ein paar Schritte.
Dann blieb er stehen.
Sein Bauch gluckerte.
Gluck.
Der Wolf schaute irritiert nach unten.
Noch ein Gluckern.
Gluck.
Jetzt verstand der Wolf überhaupt nichts mehr.
Er schleppte sich zurück zum Haus der Geißlein.
Die Mutter stand vor der Tür.
Der Wolf wollte gerade losbrüllen, als aus seinem Bauch ein deutliches „Blubb“ kam.
Die Geißlein kicherten.
Der Wolf wurde rot.
Er drehte sich um und rannte davon.
Doch weit kam er nicht.
Denn nach einigen Metern musste er sich hinsetzen.
Das Bier begann zu wirken.
Der böse Wolf, der eigentlich gekommen war, um sieben Geißlein zu fressen, lag nun mitten im Wald und dachte über sein Leben nach.
Warum immer diese Gewalt?
Warum nicht einfach mal gemütlich zusammensitzen?
Vielleicht ein Bier trinken?
Vielleicht mit den Geißlein?
Am nächsten Morgen stand der Wolf wieder vor der Tür.
Diesmal klopfte er.
Die Mutter öffnete vorsichtig.
Der Wolf hielt eine kleine Blume in der Pfote.
„Ich wollte mich entschuldigen.“
Die sieben Geißlein schauten sich an.
Das kleinste flüsterte:
„Der ist jetzt nett.“
Und tatsächlich:
Der Wolf hatte sich verändert.
Er gründete gemeinsam mit der Mutter der Geißlein eine kleine Waldwirtschaft.
Die sieben Geißlein halfen beim Ausschank.
Der Wolf kümmerte sich um die schweren Fässer.
Und jeden Freitag gab es den berühmten „Wolfstrunk“.
Ein kräftiges Bier mit ordentlich Charakter.
Die Geschichte verbreitete sich im ganzen Märchenwald.
Rotkäppchen kam vorbei.
Die drei kleinen Schweinchen kamen.
Hänsel und Gretel schauten ebenfalls mal rein.
Sogar die sieben Zwerge wurden Stammgäste.
Nur eine Person war nicht begeistert:
Der Jäger.
Denn seit der Wolf Bier ausschenkte, hatte er plötzlich nichts mehr zu tun.
Und so änderte sich das Märchen endgültig.
Der Wolf fraß nie wieder Geißlein.
Er fraß überhaupt niemanden mehr.
Er hatte schließlich etwas viel Besseres gefunden:
Eine eigene Brauerei.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt er noch heute hinter seinem Tresen.
Mit einem Bier vor sich.
Und sieben Geißlein, die inzwischen ganz genau wissen:
Man sollte einem hungrigen Wolf niemals Steine in den Bauch legen.
Bier funktioniert offenbar besser.
Bierfakt zum Mitnehmen
Schon im Mittelalter gehörte Bier in vielen Regionen ganz selbstverständlich zum Alltag und wurde nicht nur zum Vergnügen getrunken. Es war Teil der Versorgung und wurde beispielsweise auch in Klöstern gebraut und ausgeschenkt.
Die Geißlein hätten also mit etwas Glück tatsächlich einen historischen Treffer gelandet.
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